Zuckerbrot und Peitsche? Zeugnisnoten und die richtige Form der Belohnung

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Schulnoten, Zeugnis

Das Ende des Schuljahrs geht oft mit stark gemischten Gefühlen einher. Kinder möchten ihre Eltern nicht enttäuschen, da kann ein schlechtes Zeugnis schnell den Spaß auf den Übergang zur nächsten Klasse verderben. Ein gutes Zeugnis ist hingegen immer ein Grund zur Freude. Nicht selten halten Erwachsenen Belohnungen in Form von Geld bereit. Gute Schulleistungen wollen schließlich honoriert werden. Der Gedanke dahinter: Durch den Geldsegen soll das Kind zusätzliche Bestätigung erlangen und noch motivierter ins neue Jahr starten. Die Leistungen eines Kindes zu belohnen, ist zwar nicht falsch, allerdings können überschwängliche Lobeshymnen Druck aufbauen oder gar Desinteresse erzeugen.

Keine Vorankündigungen und Deals

Auch wenn es verlockend sein mag, dem eigenen Nachwuchs den Mund wässrig zu machen: Vorausgehende Versprechen erschaffen möglicherweise einen ungewollten Impuls. Ein spontanes und überraschendes Geschenk bereitet weitaus mehr Freude. Die Macht der Gewohnheit bei regelmäßigen Geschenken schlägt dagegen schneller zu, als so manchem lieb ist. Kinder verfügen über eine sehr schnelle Auffassungsgabe und verknüpfen gute Noten rasch mit Wertgegenständen. Diese Konditionierung kann sich schnell als kontraproduktiv erweisen. Die Bereitschaft zum Lernen könnte daher schnell in Zusammenhang mit den nächsten Einkäufen stehen. Bleibt dieser aus, sinkt die Einsatzbereitschaft. Versteckte Schulleistungen erfahren zudem bei oberflächlicher Betrachtung oft gar keine Beachtung. Ein Dreier in Sport oder Musik wird schnell übersehen, Geschenke gibt es nur für die besten Zensuren in mutmaßlich relevanten Fächern. Besonders bei schlechteren Schülern steckt nicht selten eine große Anstrengung selbst hinter sehr kleinen Verbesserungen. Geld dagegen schafft Unterschiede und wirkt quasi wie eine zweifache Bestrafung auf den Unterlegenen im Konkurrenzkampf mit anderen Schülern. Ärger über die eigene Erfolglosigkeit lauern bereits unterschwellig auf und später kommt möglicherweise noch Eifersucht hinzu. Schlechte Zeugnisse führen nicht selten zu bohrenden Diskussionen im Kreise der Familie über die Ursachen für Probleme in der Schule. Derartiger Stress auf der Gefühlsebene sollte aber dringend vermieden werden und gilt als denkbar schlechter Ausklang aus dem Schuljahr.

Rivalitäten unter Geschwistern

Jeder kennt das Problem: Geschwister liegen selten auf dem identischen Leistungsniveau. Verwunderlich ist dies wenig, da Fähigkeiten von Natur aus von Mensch zu Mensch anders gelagert sind und oft auch einer Rollenverteilung innerhalb von Familien unterliegt. Der Wunsch nach Würdigung der Schulleistung muss hier aber äußerst behutsam vonstattengehen. Bekommt nur der Musterschüler Aufmerksamkeit und Streicheleinheiten mit netten Geschenken, ist vor allem eines vorprogrammiert: Enttäuschung. Der Nutzen des Lobs wird durch die massive Zurücksetzung des schlechteren Kindes untergraben. Kinder interpretieren derartige Zuwendungen nicht zwangsläufig korrekt, eine emotionale Ausgrenzung steht als mögliche Folge im Raum. Hier wartet auf die Erziehungsberechtigten ein Balanceakt. Sehr wichtig ist es, beide Kinder deutlich einzubeziehen und die Belohnung nicht als eine Art Akt der Auszeichnung wie etwa bei einer Sportveranstaltung durchzuführen. Es sollte mehr die Anstrengung in der Schule und nicht das Resultat alleine im Fokus der Beurteilung stehen. Das Verteilen von Medaillen weicht im besten Fall zugunsten einer etwas sozialeren Belohnung. Gemeinschaftliche Aktivitäten können hier beispielsweise ein verbindendes Element darstellen.

Alternativen

Das klassische Lob hat noch lange nicht ausgedient und erfüllt nach wie vor ein wichtiges Element in der Erziehung. Individueller Zuspruch für aufrichtige Bemühungen und Verbesserungen braucht es weiterhin im Gespräch unter vier Augen. Materielle Belohnungen sollten aber die Ausnahme bilden und für besondere Gelegenheiten herhalten. Wenn es keinen Grund zum Feiern gibt, dann ist der Verzicht auf Strafen oder emotionale Kälte dringend angeraten. Derartige Maßnahmen tragen niemals zu einer Verbesserung der Situation bei, sofern Frust über die eigenen Leistungen beim Kind bereits eine große Rolle spielt. Ein gemeinsamer Ausflug in den Zoo oder ein netter Nachmittag im Schwimmbad stellen tolle Varianten dar, die zudem den vergangenen Schulalltag schnell vergessen machen. Auch ein unangekündigtes Sachgeschenk wie Comics wäre eine denkbare Option. Geld kann ohne konkreten Zusammenhang als Feriengeld überreicht werden. Eine gemeinsame Belohnung unter Geschwistern verliert zudem den Charakter der Zurücksetzung des Schwächeren. Auf den ersten Blick klingt dies ungerechtfertigt, denn immerhin dient eine Belohnung dazu, besondere Leistungen auszuzeichnen und somit klar hervorzuheben. Kinder befinden sich jedoch noch in einem sehr individuellen Entwicklungsstadium des Lernens und entfalten zu unterschiedlichen Zeitpunkten völlig voneinander abweichende Fähigkeiten und Interessen. Frühzeitig errichtete, emotionale Mauern behindern im schlimmsten Fall deren Entwicklung. Dies gilt ebenfalls für Einzelkinder. Liebe, Vertrauen und Zuwendung bleiben nach wie vor die besten Wege, um den Nachwuchs zu belohnen.

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